Jahr Thema 2022

 

„Komm, Maria ruft dich!“

 

Liebe Pilgerleiter und –leiterinnen,

               liebe Organisatoren von Pilgerfahrten,

 

               Als wir Ihnen im Frühjahr 2020 unsere Info-broschüre haben zukommen lassen, waren wir alle guter Dinge und hofften auf frohes Schaffen im Dienste der Pilger. Die Pandemie hat unsere Pläne gehörig durchkreuzt. Wir hoffen, dass Sie, Ihre Lieben und Ihr Unternehmen unbeschadet durch die zweijährige Krise gekommen sind.

               Gerne hätten Sie genau wie wir so vieles unternommen, doch waren uns zeitweilig die Hände gebunden. Insbesondere Reisen im Bus oder im Flugzeug gestalteten sich äußerst schwierig. Auch momentan kann von Planungssicherheit noch keine Rede sein. Dennoch stimmt uns die jüngste Entwicklung verhalten optimistisch. Es scheint Licht am Ende des Tunnels.

               Im Laufe der letzten Monate haben viele Pilger mich wissen lassen, wie sehr sie sich auf den nächsten Aufenthalt bei der Muttergottes freuen. Das sind keine leeren Worte. Im Oktober, am letzten Pilgertag einer Saison in Mineur, berichtete mir ein flämischer Pilgerleiter stolz, er habe drei Busse gefüllt. Mehr denn je zuvor.

               Ja, ich bin der festen Überzeugung: nach einer langen Durststrecke haben ganz viele das Bedürfnis, ihren Durst an der Quelle von Banneux zu stillen. Daher auch unser Thema für die diesjährige Pilgersaison: „Komm, Maria ruft dich!“

               Liebe Organisatoren, zögern Sie nicht, 2022 Pilgerfahrten anzubieten. Die potentiellen Pilger werden es Ihnen ganz sicher danken!

               Und wir in Banneux werden alles tun, um Ihnen unvergessliche Stunden und Tage bei der Jungfrau der Armen zu ermöglichen!

 

               Auf ein baldiges Wiedersehen hoffend, grüße ich Sie ganz herzlich.

Mit freundlichen Grüßen!

Rektor Leo Palm


Die schöne hell leuchtende Dame, die sie am Abend des 15. Januar im Gemüsegarten sieht, zieht die kleine Mariette völlig in ihren Bann. Mit einer Handbewegung lädt sie das kleine Mädchen ein, zu ihr in den Garten zu kommen. Als das Kind das Fenster verlässt und zur Haustür gehen will, stellt Mutter Beco sich ihm in den Weg. Sie ist ängstlich und abergläubisch und verriegelt die Tür, die an diesem Abend somit verschlossen bleibt. Eine richtige Begegnung kommt zum Leidwesen des Kindes nicht zustande…

Drei Tage später, am Mittwoch, dem 19. Januar, schleicht Mariette sich heimlich aus dem Haus, kniet sich auf dem Pfad, der zur Straße führt und hofft, während sie den Rosenkranz betet, dass die Dame sich ihr erneut zeigt. Als Maria erscheint, gerät das Kind in Ekstase, und ihr Vater läuft ins Dorf, um Kaplan Jamin um Hilfe zu bitten. Da Letzterer nicht zu Hause ist, begleiten ihn Herr Charlesèche und dessen Sohn, die direkten Nachbarn des Pfarrers. Als sie den Garten erreichen, sehen sie, wie Mariette den Garten verlässt. Sie rufen ihr zu: „Aber wohin gehst du denn? – Sie ruft mich!“ Voll Vertrauen geht das Kind Schritt für Schritt mit der Schönen Dame bis zur Quelle am Wegesrand…

„Sie ruft mich!“ Seit 1933 sind Millionen von Pilgern dem Ruf der Jungfrau der Armen gefolgt. Voller Zuversicht machten sie sich auf den Weg zur Quelle von Banneux, um hier lebendiges Wasser zu schöpfen. Die Pandemie, die wiederholten Lockdowns und die Reisebeschränkungen haben viele Menschen davon abgehalten, eine Pilgerreise anzutreten und auf Marias Einladung einzugehen, auch wenn sie sich dies, wie Mariette, von ganzem Herzen wünschten.

Haben wir keine Angst, unsere Tür zu öffnen, Hindernisse zu überwinden und den Weg über die Grenze zu wagen: Die Jungfrau der Armen möchte uns eine belebende Begegnung in „ihrem“ Heiligtum von Banneux schenken. „Komm, sie ruft dich!“

  1. Du aber, folge mir nach! (siehe Joh. 21, 22)

Der Ruf der Jungfrau der Armen richtet sich an dich persönlich, auch wenn du mit der Familie oder in einer Gruppe kommst. Maria möchte für dich tun, was sie für Mariette getan hat. Sie möchte dir begegnen, wie eine Mutter, die jedem ihrer Kinder ihre Zuneigung und Zärtlichkeit zuteilwerden lässt.

Ich sage es immer wieder gerne: Maria hat eine kleine Kapelle gewünscht. Es ist unmöglich, dass sich viele gleichzeitig in der Kapelle aufhalten. Bei großem Andrang muss man Schlange stehen, sich in Geduld üben und auf die persönliche Begegnung ein bisschen warten. Sie hat sich ein Beispiel an Jesus genommen (oder war es Jesus, der sich ein Beispiel an ihr genommen hat, ich weiß es nicht): Wenn er sich als der gute Hirte präsentiert, traut er sich zu sagen, dass er seine Schafe kennt und jedes einzelne beim Namen ruft (Joh. 10,3).

Ist dies nicht eine der wunderbaren Entdeckungen, die wir dank der Bibel machen? Der Ruf des Herrn ist immer persönlich! „Moses, Moses!“ (Ex 3,4); „Samuel, Samuel!“ (Sam. 3:10); „Martha, Martha!“ (Lk. 10,41); „Du bist Simon!“ (Joh. 1,42); „Maria!“ (Joh. 20,16) …

Wie Gott, wie Jesus, möchte Maria eine persönliche Beziehung zu jedem von uns aufbauen. Der liebevolle und wohlwollende Blick der Schönen Dame prägte Mariette fürs Leben. „Du bist in meinen Augen teuer und wertvoll, und ich habe dich lieb!“ (Jes. 43:4

  1. Schritt für Schritt mit Maria

Die Jungfrau der Armen begnügt sich nicht damit, Mariette in den Garten zu rufen. Sie lädt sie ein, ihr auf dem Weg zu folgen.

Unermüdlich erinnere ich die Pilger daran, dass Maria sich nie vom Kind abgewandt hat. Sie verlor es nie aus den Augen wie eine Mutter, die dem Kleinkind Mut macht, wenn es seine ersten zaghaften Schritte im Leben macht. „Komm, hab keine Angst; wenn du stolperst, fang ich dich auf!“

Gemeinsam mit Maria macht die junge Seherin entscheidende Schritte in ihrem Glaubensleben, das schon seit einiger Zeit auf Eis lag. Sie stürmen nicht auf das Ziel zu. Nein, sie bewegen sich langsam, Schritt für Schritt. Maria bleibt stehen, das Kind kniet nieder, betet ein paar Ave Maria, steht auf und setzt seinen Weg zur Quelle fort. Auf Bitten der Dame taucht sie ihre Hände ins Wasser. Einfache Gebete, schlichte Gesten, die niemanden überfordern! Einfach, gewiss, aber wie tiefgründig! Die Gnade der Taufe wiederentdecken, die unglaubliche Gnade, Gott als Vater und Maria als Mutter zu haben. Die erhabene Gnade, Gott mit „Abba“ anzusprechen! Geliebter Vater! Und wie der Engel Gabriel sagen zu dürfen: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade!

Wenn wir einwilligen, dann wacht Maria ein Leben lang über uns, vom Augenblick unserer Empfängnis bis hin zur Stunde unseres Todes. Sie ist gewillt, uns auf unserer irdischen Pilgerreise bis zur Pforte des Himmels zu begleiten.

  1. „Kommt zu mir, ihr alle“.

Maria ruft jeden einzelnen von uns ganz persönlich. Aber sie will nicht, dass wir zu Individualisten oder gar zu Egoisten werden. Die meiste Zeit spricht sie im Plural: „ Taucht eure Hände ins Wasser!“ „Diese  Quelle ist für alle Völker, für die Kranken.“ „Glaubt an mich!“ „Betet viel!“ oder „Ich bin die Jungfrau der Armen“.

Wie der Vater im Himmel möchte sie ihre Kinder im einen Vaterhaus um denselben Tisch versammeln. „Die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln“ (Joh. 11,52). So lautet der deutliche Auftrag, den der Vater seinem geliebten Sohn anvertraut, eine Sendung, die er in vollem Umfang erfüllt, als er am Kreuz erhöht wird: „Und wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“ (Joh. 12,32).

Die Verstreuten sammeln, die Zerstrittenen versöhnen, die Getrennten einen … Alle Völker zum einen Volk Gottes machen; alle Menschen auf der Erde entdecken lassen, dass sie Brüder und Schwestern sind, verbunden durch das Band und die Macht göttlicher Liebe. Dies ist der große Heilsplan unseres Gottes. Leider Gottes sind wir davon noch meilenweit entfernt!

Die nicht enden wollenden Krisen machen deutlich: wir leben nicht in einer heilen Welt. Die Isolation der kranken und alten Menschen während der Gesundheitskrise; die Kluft zwischen Arm und Reich, die infolge der Energiekrise immer grösser wird; ein 20-jähriger nutzloser Krieg zur Ausrottung von Terrorismus und religiösem Fanatismus; die Naturkatastrophen infolge der Klimakrise… Die Menschen denken womöglich immer noch – Naivität oder Hochmut? – dass sie sich alleine aus der Affäre ziehen können. Aber ist dieser Traum nicht völlig illusorisch? Es ist höchste Zeit, dass wir auf Jesus hören, der uns sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt. 11,28). Ist es nicht dringend notwendig, dass sich alle derselben Quelle zuwenden, sich um sie versammeln und aus ihr die echte Liebe zu den Mitmenschen, die Liebe zur ganzen Schöpfung schöpfen?

 

  1. „Komm heraus!“

Wenn Maria uns zur Quelle führt, will sie uns an unsere Taufe und die Gnade der Gotteskindschaft erinnern. Sie sagt uns erneut, welch wunderbare Hoffnung der Schöpfer uns allen schenkt: die Hoffnung auf ewiges Leben. In diesem Sinne ist unser ganzes Leben eine Pilgerreise zu dem, der sowohl Ursprung als auch Ziel unseres Lebens ist. Wir sind auf dem Weg ins Gelobte Land, in die ewige Heimat! „Wir sind nur Gast auf Erden, und wandern ohne Ruh … der ewigen Heimat zu.“

Traum oder Wirklichkeit? Trügerische Illusion oder unerschütterliche Hoffnung? „Alles Leben muss enden“, sagt der Psalmist (Ps. 48,9). Endet das Leben nicht unweigerlich unter einem Grabstein? Oder, um es in der biblischen Sprache auszudrücken: hinter der Tür des Totenreichs? Aber gerade hier setzt die Frohe Botschaft an: Jesus, unser Erlöser, ist hinabgestiegen in das Reich des Todes und hat die verriegelte Tür ein für alle Mal aufgestoßen. Er ergreift Adam und Eva, entreißt sie dem Tod und nimmt sie mit in das Reich der Lebenden! Was Jesus dem Lazarus befahl, befiehlt er der ganzen Menschheit: „Komm heraus!“ Die Tür, die geschlossen war, ist offen, viel mehr noch: es gibt sie nicht mehr, denn Jesus hat sie mit dem Kreuz zertrümmert!

In und durch Jesus erfüllt sich die göttliche Verheißung: „Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig.“ (Ez. 37,13f)

In dieser Hoffnung können wir unsere Lieben gehen lassen und ihnen zuflüstern: „Geh, Maria ruft dich!“